Wie viel Gewalt darf ein Buch enthalten?

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Die letzte [Montagsfrage] beschäftigte sich mit Trigger, die uns Leser am Weiterlesen hindern würden. Ja, wenn ich nun darüber nachdenke, ist meine Liste sicherlich nicht erschöpfend und es fehlen Punkte, die ich noch aufnehmen könnte. Mich nerven Charaktere, die in jeder Situation unglaublich dumm handeln oder die, die auch nach 100 Seiten immer noch absolut nichtssagend sind.
Das hier soll allerdings kein Nachtrag werden, sondern ich möchte auf etwas eingehen, was ich bei einigen Beiträgen zur Montagsfrage oder auch in den Kommentaren zu meinem Beitrag gelesen habe. Es geht um die Gewaltdarstellungen in Büchern. Wer mehrere meiner Beiträge gelesen hat, weiß schon, dass mich Horrorgeschichten ziemlich kalt lassen und auch mit expliziten Gewaltszenen habe ich (meistens) kein Problem. Ich halte mich weder für einen Soziopathen noch für jemanden, der keinerlei Emotionen zeigen kann. Ganz im Gegenteil, vieles, was in der Welt passiert, macht mich wütend oder traurig.
Wenn ich Bücher über Kriege oder Serienmörder lese, finde ich das nur sehr viel realer als Bücher, die sich ein Autor ausgedacht hat. Es berührt mich mehr, wenn etwas wirklich geschehen ist und es um Tatsachen, harte Fakten geht.

Natürlich sollte es auch in Thrillern oder allgemein in Büchern nicht nur darum gehen, den Leser ständig schocken zu wollen und ständig schreckliche Szenen zu beschreiben, die überhaupt keinen Sinn mehr für die Geschichte haben. Ein dauerndes Gemetzel, wenn ich es mal so ausdrücken darf, finde ich irgendwann auch nervig, ermüdent, unnötig. Aber es gibt Beispiele, da ist ein wenig Gewalt durchaus angemessen, um die Geschichte ins richtige Licht zu rücken. Wenn ein Mensch, der geistig nicht völlig verwirrt ist, einem anderen die Kehle durchschneidet und vielleicht Einzelteile von ihm zum Abendessen verzehrt (hallo, Hannibal Lecter!), dann hat das einen Sinn. Es wird ein Mensch beschrieben, der keinerlei Gefühle für andere übrig hat und wenn er dieses Essen Dritten serviert, sagt das zudem aus, dass er andere gerne in seine Spielchen reinzieht. Bei solchen Szenen funktioniert vieles aber auch nur durch die Fantasie des Lesers. Es müssen nicht alle grausigen Details explizit erwähnt werden, es reichen auch Andeutungen. Sebastian Fitzek sagte auf seiner Lesung in Hamburg letzte Woche, dass er gerne nur andeutungsweise schreckliche Momente beschreibt und den Rest der Fantasie seiner Leser überlässt. Er drückte damit also aus, dass seine Leser die mit den seltsamen Gedanken sind und er völlig unschuldig ist. Anderes Thema, der Beitrag zum Krimifestival folgt am Wochenende erst.

Gewalt kann darüber hinaus auch verschiedenen Dimensionen haben, finde ich. Das, was ich bisher beschrieben habe, ist Gewalt, die sich primär gegen den Körper eines Charakters oder eben eines realen Menschen richtet.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch psychologische Faktoren, die eingesetzt werden können, um einen Menschen Gewalt anzutun. Gehört das auch in die Kategorie, die man ablehnen kann? Hier bin ich ehrlich gesagt überfragt und bin auf Kommentare von anderen angewiesen.
Mir persönlich geht es so, dass ich beschriebene seelische Grausamkeit oftmals noch schlimmer finde als körperliche. Eine Szene, in der beispielsweise ein Kind durch seinen dominanten Vater unterdrückt wird, ihm gesagt wird, dass er wettlos sei und das Kind dadurch kaputt geht, macht mich in nahezu jedem Fall wütend. Ähnliches gilt natürlich auch für Frauen oder andere Männer. Hierbei ist ja ebenso jede Konstellation denkbar.

Nicht falsch verstehen: ich verabscheue Gewalt, auch wenn ich gerne Thriller lese. Nur trenne ich da schärfer zwischen Fiktion und Realität.

Wie seht ihr das?

Liebe Grüße
Ela

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8 Gedanken zu “Wie viel Gewalt darf ein Buch enthalten?

  1. Ich muss gestehen, dass ich wohl generell auch eher zur abgebrühten Sorte Leser gehöre. Wobei ich auch anmerken möchte, dass ich zwischen Buch und Film nochmals einen ganz klaren Unterschied mache. Während ich in Büchern einiges mehr und besser ertrage, laufe ich bei Horrorfilmen gerne mal aus dem Zimmer oder halte mir bei anderen Gewaltdarstellungen ein Sofakissen vors Gesicht.
    Ich denke auch, dass das viel mit der Fantasie des Lesers zu tun hat, wie Sebastian Fitzek sagt (und beim Film ist halt nicht mehr viel der Fantasie überlassen). Obwohl ich annehme, dass er beim schreiben auch eine mehr oder weniger genau Vorstellung der Szene im Kopf hatte. Denn man muss doch auch wissen, wie man mit kleinen Andeutungen Bilder in den Köpfen seiner Leser erzeugen kann. Und ich wage zu bezweifeln, dass das geht, wenn man nicht selbst auch ein ebensolches in seinem Kopf vorfindet. 🙂
    Herzlich
    Nela

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Nela,

      danke für deinen Beitrag! 🙂
      Stimmt, Filmesind nochmals eine ganz andere Geschichte. Dabei bekommt man die volle Banbreite an Details geliefert, ob man möchte oder nicht.
      Ich glaube auch, dass Sebastian Fitzek ein sehr großes Kontingent an Fantasie zur Verfügung hat. Gut finde ich, dass er nicht alles beschreiben muss, sondern vieles nur andeutungsweise beschreibt.

      Liebe Grüße
      Ela

      Gefällt 1 Person

  2. Huhu!
    Auch ich zähle mich eher zur hartgesottenen Sorte. Ich kann relativ gut mit Gewalt in Büchern umgehen, schließlich ist es ja i.d.R. fiktiv und nicht so passiert.
    Wo ich aber trotz der Fiktivität Probleme habe, ist bei Szene in denen Kinder misshandelt werden. Egal, ob sie überleben oder ob sie sterben, bei sowas muss ich schon sehr an mich halten. Vor allem, wenn das ganze auch noch detailliert daherkommt, frag ich mich schon, was sich so ein Autor dabei denkt. Da hilft es dann auch nicht, wenn ein Fitzek es ’nur‘ andeutet.
    Und was mich persönlich wütend macht, ist, wenn Menschen hilflos und wehrlos sind. Sich verprügeln und mobben lassen, sich hin und her schubsen lassen – sowas regt mich auf – wie kann man nur so mit sich umgehen lassen? Das man sich da nicht auf die Beine stellt und sich wehrt, versteh ich nicht.
    Ansonsten nehme ich alles mit – Hannibal, Smoky Barrett (wobei es da relativ brutal zugeht, m. M. nach), etc.
    Als angenehmen Ausgleich lese ich Agatha Christie, die ohne große Gewalt auskommt und auch relativ wenig mit Blut um sich schmiert. Denn obwohl ich Gewalt aushalten kann, ist Gewalt für mich auch immer Dummheit. Ich mag lieber intelligente Krimis, die reizen mich mehr.

    Liebe Grüße,
    Linda

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    • Hallo Linda,

      sicherlich ist Gewalt Dummheit in irgendeiner Form. Als normaler Mensch kann man sich das auch nicht vorstellen. Nur – die meisten, die so etwas tun, haben dafür kein Empfinden. Entweder sie haben spaß daran, andere zu quälen oder aber sie können nicht nachvollziehen, dass sie anderen Schmerzen zufügen. Oftmals fehlt denen ja etwas, entweder die Kindheit, in der sie lernen konnten, was moralisch vertretbar ist oder nicht. Oder aber sie haben irgendeinen – psychologisch nicht korrekt ausgedrückt – Knacks, den sie so verabeiten.

      Ich möchte keinen in Schutz nehmen, aber es gibt genug Täter, die unter ihren Taten leiden und trotzdem nicht aufhören können.

      Als Mobbingopfer kann ich dir sagen, dass es meistens nichts bringt, sich zu wehren. Dann haben die anderen nur noch mehr spaß daran, dich zu ärgern.

      Viele Grüße
      Ela

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  3. Bei fiktiven Büchern finde ich Gewaltdarstellungen zwar meistens spannend, aber nicht sehr „grauenhaft“ oder ähnliches.
    Wenn ich jedoch weiß, dass sich die Geschichte im Buch tatsächlich abgespielt hat sieht das ganz anders aus. Bei „Sie nannten mich Es“ wurde mir teilweise wirklich etwas übel und ich verstand einfach nicht (und verstehe nach wie vor nicht), wie man einem Menschen so etwas grausames antun kann. Die selben Szenen in einem erfundenen Fantasyroman würden mich weit nicht so mitnehmen und beschäftigen.

    Schöne Grüße
    Sarah

    Gefällt 1 Person

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